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Aussenpolitik

Ägypten & Deutschland: Länder, die sich mögen

Die Wirtschaft verbindet die beiden Länder seit Jahrzehnten und immer wieder betont Außenminister Westerwelle die wichtige politische Rolle Ägyptens. Das weckt Sympathien, aber auch Erwartungen.

Deutsche Touristen in legerer Freizeitkleidung vor den Pyramiden (Foto: dpa)

Ägypten steht bei den Deutschen hoch im Kurs

Zwei Jahre ist es nun fast her, dass der deutsche Außenminister Guido Westerwelle die Demonstranten auf dem Kairoer Tahrir-Platz besuchte. Sie schrien "Es lebe Deutschland, es lebe Ägypten!", er versprach ihnen deutsche Hilfe bei ihrer Revolution. Es war nicht nur für ihn ein erlösendes Erlebnis. Das Land am Nil ermöglicht der deutschen Außenpolitik das Erwachen aus der Schreckstarre, die der arabische Frühling zunächst ausgelöst hatte.

Außenminister Guido Westerwelle (r) und der ägyptische Außenminister Kamel Amr (Foto: dpa)

Freunde: Außenminister Guido Westerwelle und sein ägyptischer Kollege Mohammed Kamel Amr

Seither zeigt sich Berlin ausgesprochen engagiert, was Ägypten auf seinem Weg nach dem Sturz des Diktators Hosni Mubarak anbelangt. Viermal war der Außenminister schon dort. Mit seinem Amtskollegen demonstriert er innige Vertrautheit. "Lieber Mohammed, mit Dir besucht ein guter Freund Deutschland", begrüßt der Außenminister seinen Amtskollegen Mohammed Kamel Amr, bei dessen jüngstem Aufenthalt in Berlin, "das ist ein Besuch eines Freundes bei Freunden!"

Strategische und wirtschaftliche Bedeutung

Westerwelles Zuwendung hat gute Gründe: "Für uns ist Ägypten ein Schlüsselland in der Region", stellt er fest, "die Umbrüche in der Region werden nur gelingen, wenn der Umbruch in Ägypten gelingt." Er könnte Recht haben, schließlich handelt es sich um das mit Abstand bevölkerungsreichste arabische Land. Es hat ein erhebliches wirtschaftliches und militärisches Gewicht in der Region und großen kulturellen und politischen Einfluss in der arabischen Welt. Ägypten fungiert de facto als Leitkultur für seine Nachbarn.

Der Nahostexperte Manfred Tilz von der Germany Trade and Invest (gtai) (Foto: gtai)

Der Nahostexperte Manfred Tilz von der Germany Trade and Invest

Es ist wichtig, präsent zu sein und es rentiert sich offenbar auch. Alle großen deutschen Firmen haben in Ägypten Niederlassungen. Das Land ist nach Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten der wichtigste deutsche Handelspartner in der arabischen Welt. Das Land am Nil ordert dabei Waren im Wert von rund 1,7 Milliarden Euro, kaum weniger als die genannten arabischen Ölstaaten. "Die Wirtschaftsbeziehungen zu Ägypten sind traditionell gut", beobachtet Manfred Tilz von Germany Trade and Invest, der Gesellschaft zur Außenwirtschaftsförderung der Bundesrepublik. Tilz nennt die deutsch-arabische Handelskammer als Indikator: Vor 60 Jahren wurde sie in Kairo als die erste deutsche Außenhandelskammer in der arabischen Welt eröffnet. "Ägypten liegt strategisch günstig und ist für die Wirtschaft ein Tor in den arabischen und afrikanischen Raum", betont Tilz. Insgesamt ist die deutsche Wirtschaft drittgrößter Lieferant von Gütern nach Ägypten und folgt mit knappem Abstand auf die USA und China.

Verlässliche politische Partner

Deutschland setzt aber auch in politischer Hinsicht auf Ägypten - wegen der pragmatisch-moderaten Haltung des arabischen Landes zu Israel. Das ist eine Entwicklungslinie, die sich seit Ende der 70er Jahre bis in die Gegenwart fortsetzt, und selbst unter dem derzeitigen islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi Bestand hat. Dem werden zwar antisemitische Entgleisungen in der Vergangenheit nachgesagt, aber dennoch vermittelte er in den jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Israel und Palästinensern. Die diplomatische Intervention hat viel Lob aus Berlin eingebracht. Darüber hinaus hält man sich in Deutschland mit Kritik zurück, wenn es in Kairo auf dem Weg zur Demokratie holpert und die Massen auf die Straßen gehen.

Demonstrantin in Kairo hält Plakat (Foto: dapd)

Die Berichterstattung über die Proteste in Ägypten nimmt breiten Raum ein

Schon länger kann sich Ägypten darüber freuen, ein Schwerpunktland der deutschen Entwicklungshilfe zu sein. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes sind in den vergangenen 50 Jahren fünfeinhalb Milliarden Euro an Hilfen zugesagt worden. Seit Ende 2011 stellt Berlin zusätzlich 112 Millonen Euro für die Förderung erneuerbarer Energien bereit. Ein Schuldenschnitt von 240 Millionen Euro wurde nach der Revolution vereinbart. Der entstehende finanzielle Spielraum soll dazu beitragen, dass der demokratische Aufbruch im Land nicht erlahmt. Dafür soll auch der deutsch-arabische Lenkungsausschuss sorgen. Das Gremium koordiniert den Dialog zwischen beiden Ländern. Den Lenkungsausschuss gibt es zwar schon seit fünf Jahren, aber nach dem Frühlingserwachen der ägyptischen Zivilgesellschaft wird seine Arbeit wieder stärker betont.

Gegenseitige Symphatie

In Ägypten erwartet man sich offenbar viel von Deutschland. "Ich wünsche, dass die deutsche Rolle in Ägypten und im Nahen Osten größer wird", sagte der ägyptische Präsident Mohammed Mursi kürzlich der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und prophezeite: "Wir bewegen uns auf starke Beziehungen mit Deutschland zu." Der Staatschef steht mit seiner positiven Einstellung zu Deutschland nicht allein. "Die Ägypter haben im Allgemeinen eine sehr aufgeschlossene Haltung zu Deutschland", ist Abd el-Halim Ragab überzeugt. Der Geisteswissenschaftler aus Unterägypten lebt seit 1995 in Deutschland und lehrt an der Universität Bamberg. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern würden Ragab zufolge erleichtert, weil sie kaum historische Belastungen kennen würden, "ganz anders als bei Briten und Amerikanern mit ihren Interventionen in der Region."

Der ägyptische Geisteswissenschaftler Abd el-Halim Ragab lebt seit 1995 in Deutschland (Photo: privat)

Abd el-Halim Ragab, Geisteswissenchaftler aus Ägypten

Außerdem würden die Ägypter spüren, dass bei den Deutschen großes Interesse an ihrer Kultur bestehe. "Das hat eine lange Tradition," sagt Ragab, "da muss man nur einmal die Dichter der deutschen Klassik und Romantik betrachten." Auch die starke Präsenz von deutschen Kultureinrichtungen seinem Land würde aufmerksam registriert. Die Neugier an Ägypten ist tatsächlich schwer zu übersehen und die ausführliche Berichterstattung über die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo, oder die Situation der koptischen Christen in Alexandria zeugt davon. Aber es geht nicht nur um tagesaktuelle Ereignisse. Das nordostafrikanische Land mit seinen gut erhaltenen Zeugnissen pharaonischer und islamischer Kultur ist eine Art Sehnsuchtsort der Deutschen. Weit über eine Million reisen jedes Jahr als Touristen an den Nil. Selbst wenn sie die weite Reise nicht antreten, wollen sie der ägyptischen Kultur nahe sein. Das Neue Museum in Berlin - dort steht auch die Büste der Nofretete - gehört zu den meistbesuchten Museen in Deutschland.

DW.DE

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